“Weil man nicht alleine verloren ist.” – reblogged by @dramalovesme
Seit ich denken kann, möchte ich hier weg.
Okay… Das ist eigentlich nicht wahr. Ich hatte eine wunderschöne Kindheit auf dem Land. Nicht so, wie ihr euch das jetzt vorstellt. Es gab Sonntags keinen Braten sondern auch Pommes und Chicken-Nuggets wie sonst auch, ich trug nie frisch gebügelte Unterhemden, weil meine Mutter sich diesen Kampf mit mir sparen wollte und Radtouren zum Rhein haben wir nie unternommen. Aber genau deswegen war sie schön und besonders für mich. Ich hatte einfach Spaß. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte. Und das war nicht viel. Meistens saß ich mit meinen Puppen im Garten oder habe gelesen. (Wenn ich nicht gerade mit Fiona oder Sabrina beschäftigt war.) Ich war einfach… frei.
Und dann wurde ich älter. Und diese Freiheit ist mir durch die Hände geronnen. Ich konnte sie einfach nicht festhalten, ich konnte sie nirgendwo verstecken, es gab keine friedlichen Orte mehr. Mir wurde bewusst, dass meine Familie nicht so war, wie ich sie haben wollte. Dass ich nur die Schwester von dem gestörten Schlägertypen war. Die Worte, die sich meine Eltern an den Kopf warfen, wurden zu Sätzen und machten Sinn. Zu viel Sinn, eigentlich. Wie das eben so ist. Bei den meisten Menschen. Dinge ändern sich und man kann gar nichts dafür.
Ab diesem Zeitpunkt wollte ich weg. Gar nicht zwingend von meiner Familie, sondern… von all den Dingen, die mein Leben hier ausmachten. Von der Schule und den leeren Straßen, von den schrecklichen Busfahrzeiten und all den Menschen, die es nie verstanden haben, die es nie verstehen wollten. (Also irgendwie wollte ich doch weg von meiner Familie.) Und das, was die Rettung zu sein schien, das nannte sich Großstadt.
Mit 10 ist die Sache mit der Naivität so schön wie auch verhängnisvoll. Ständig träumte ich von überdimensionalen Hochhäusern und Einkaufszentren und Menschen, vielen Menschen, in tollen Kleidern mit tollen Gedanken und Ideen. Und Lärm zum Einschlafen. Klischees trafen auf meinen Hang zum haltlosen Überdramatisieren. Es war eine Explosion der unerfüllbaren Erwartungen. Aber ich wollte es so. Es kann nur besser sein woanders. Ich wollte studieren und wunderhübsch sein und gebildet genug für all die genug gebildeten Menschen, die ich zu treffen plante. Ich habe… es so sehr gewollt.
Und irgendwann war dieser Gedanke, dieser Wunsch nicht mehr nur das, es wurde ein… Plan. Konkret. Wenn man mich fragte, was ich später mal sein will, sagte ich „weg“. Alles nahm greifbaren Formen an, durch das Internet, weil ich älter wurde. Es wurde zu einem Teil von mir, zu einem äußeren Teil. Man sieht es mir an, man merkt es, wenn ich spreche. Weil ich es immernoch will. Weil es immernoch Hoffnungsträger ist. Weil ich manchmal nur noch weitergehe, weil ich das Ende des Weges kenne. (Zu kennen glaube, ja.) Ich brauche den Gedanken, dass ich gehen kann. Ich weiß, was ich meiner Heimat zu verdanken habe und es ist nicht der schlimmste Ort der Erde, aber mir hat er nicht immer so gut getan. Und das wird sich auch nicht mehr ändern. Und aus diesem Grund glaube ich daran. An diesen Plan von… Freiheit. Die vielleicht so ist wie in Kindertagen.
Weil, damals, im Garten mit meinen Puppen, da war eines entscheidend… Ich habe mich nicht einsam gefühlt. Und das tue ich jetzt. Das habe ich oft getan und das auch schon ziemlich lange. Und ja, vielleicht ist es wahr, dass mir der Gedanke gefällt, dass zu meiner Heimat mehr als 1200 Menschen gehören. Vielleicht ist es wahr, dass ich denke, die Einsamkeit findet dann ein Ende. Und vermutlich ist es wahr, dass ich damit falsch liege, dass man sich unter Millionen einsam fühlen kann und wird. Dass man unter Millionen vielleicht noch leichter verloren geht.
Aber eigentlich ist genau das das Beruhigende. Unter Millionen verloren gehen. Eine Verlorene zu sein ist schmerzhaft, es ist kompliziert. Eine Verlorene unter Millionen zu sein ist… schmerzhaft, kompliziert – nur anders. Weil man nicht alleine verloren ist. Weil man eigentlich schon wieder zu jemandem gehört.
Vielleicht ist es nicht so. Gar nicht. Nicht ein winziges bisschen und es scheint euch lächerlich, aber was kann mich im Moment hindern, an etwas zu glauben, dass besser sein könnte?